EIN KONZERT ZUM LESEN

Liebe Freunde,
die Band & ich vermissen es sehr, dass uns diese Tage die Musik nicht zusammenführen kann, um gemeinsam zu singen, zu klatschen, zu lauschen & zu lachen. 
Auch wenn die Konzerte natürlich durch nichts zu ersetzen sind, möchte ich mit diesen Zeilen versuchen den Verlust ein wenig auszugleichen & den Hauch einer Stimmung erzeugen, wie es vielleicht hätte sein oder sich anfühlen können.

Vorab möchte ich allerdings allen Unterstützern von Herzen danken, die von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, einen handgeschriebenen Text eines der größten Musiker-Dichter unserer Sprache & Zeit erworben zu haben. Ihr habt das Richtige getan & ich empfinde es als ein gutes Gefühl die Freundschaft von Menschen wahrzunehmen, denen meine Worte & meine Musik etwas bedeuten.

Zurück zu meinem Anliegen:

„Einen wunderschönen guten Abend & herzlich willkommen! 
Showtime, Ladies & Gentlemen, Mesdames et Messieurs, Señoras y Señores  im fabelhaftesten Nachtclub der Welt! Param pampam. Michy Reincke präsentiert seine neue Revue! In diesem Kolosseum des Vergnügens, der Heiterkeit, des Glücks & der Lebensfreude. Hochgeschätzte Besucher & Liebhaber des Tanzes & der Liebe bei schummriger Beleuchtung! In wenigen Augenblicken wird hinter diesem kostbaren Vorhang aus Silber & Gold-Lamé die großartigste Band der Welt…usw. – Bahn frei für das fröhlichste, attraktivste & bezauberndste Publikum des Universums!“

Wir wären gestartet mit ein paar Krachern. „Mach dein Herz laut!“
(vielleicht legt Ihr Euch die Songs in der Reihenfolge zu Hause auf)
& aus aktuellem Anlass: „Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen“ & „Erzähl´ mir nicht, dass du nur tust was man dir sagt“ – vermeintliche Liebeslieder deren Zeilen von höchster politischer Sprengkraft sind.

Dann hätte ich Euch mit dem Titel des aktuellen Programms vertraut gemacht, der bereits Anfang Januar 2020 dem Tivoli für seine Webseite mitgeteilt wurde: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Wie in der Ankündigung erwähnt, wäre es bei meinen Ansagen um blumige Unaufrichtigkeiten, schillernde Facetten der Wahrheit & professionelle Lügner gegangen.
Ich hätte meine Einschätzung zum Thema preisgegeben & erläutert:
„Die Wahrheit macht dich frei – aber vorher macht sie dich fertig!“
Nahtlos wäre „Frei von alldem“ eingezählt worden.

Ich hätte darüber philosophiert, dass manche Dinge anders sind als sie aussehen, dass es solche Dinge immer gegeben hat & die Frage gestellt, was einen wohl daran hindern könnte anzunehmen, dass sie Bestandteile unserer Wirklichkeit sind.
Unsichtbare Wahrheiten. Vielleicht hätte ich in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass man z.B. auch nie ausschließen sollte, dass man manchmal nur hört & sieht, was man hören oder sehen soll. Ganz wie in einer Zaubershow.

Dann hätten wir den Knaller „Unsichtbare Riesen“ gebracht. 

Nach dem Song hätte ich einen Aspekt des Liedes erläutert, weil er mir erst kürzlich wiederbegegnet ist: Es ist vielleicht keine böswillige Absicht, aber die Erziehung in unserer Kultur läuft darauf hinaus, dass nicht erkannt wird, dass allein die Existenz das Wunder & das Glück des Lebens darstellt, dass wir keine Zwerge sind – wie man es uns versucht einzureden, von Leuten die sich davon einen Vorteil versprechen, es einfach nicht besser wissen oder erkennen können – sondern dass wir RIESEN sind. Jeder von uns.
Unsere Talente sind unermesslich & vielfach & nur verschüttet & verkümmert, weil man uns dazu nötigt idiotischen Kram zu tun, zu glauben & zu konsumieren. Unsere Existenz & nicht selten die Liebe unserer Eltern ist von Anfang an in vielen Fällen an seltsame Bedingungen geknüpft. Ich hätte Euch dazu die Bücher von Jean Liedloff „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ & „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller empfohlen (ich möchte anregen nicht nur diesen Empfehlungen Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch den in den letzten Monaten von mir bereits erwähnten „Wider den Gehorsam“ von Arno Gruen & „Die Weisheit des ungesicherten Lebens“ von Alan Watts als Bausteine eines neuen, interessierten Bewusstseins wahrzunehmen, denn die Zeit dafür ist reif). Ich hätte versucht zu verdeutlichen was Leben ist, wie ich es schon so oft versucht habe zu verdeutlichen. Trotzdem hätte ich jedem die Möglichkeit gelassen mich einfach nur als lustigen Unterhalter zu betrachten.
Im Publikum wäre ein von mir vorbereitetes Transparent aufgetaucht „Halte dich von der Bibliothek fern – Medikamente helfen dir schneller“. Alle hätten gelacht.

Wir hätten „Jetzt & in Ewigkeit“ & „Jetzt ist Schön“ gespielt.

Dann hätte ich die Geschichte vom chinesischen Bauern erzählt:
  „Als dem armen chinesischen Bauern seine einzige Stute weggelaufen war, sagten die Bewohner des Dorfes, dass es ihnen Leid täte. Der Bauer antwortete: „Warten wir doch mal ab“.
  Am nächsten Tag kehrte die Stute mit einem wilden Hengst zurück & die Leute im Dorf sagten: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ & staunten was für ein unverschämtes Glück der Bauer wieder einmal gehabt hätte.
Der Sohn des Bauern versuchte den wilden Hengst einzureiten, fiel vom Pferd & brach sich ein Bein. Da sagten die Dorfbewohner, dass es eigentlich wieder einmal sehr fahrlässig vom Bauern gewesen sei & dass er diese ganze Sache zu verantworten hätte.
Am darauf folgenden Tag erschienen die Herolde des Kaisers & zogen alle gesunden jungen Männer zum Kriegsdienst ein weil ein militärischer Konflikt bevorstehen würde. Der Sohn des Bauern wurde aufgrund seines gebrochenen Beines ausgemustert…“

Jens hätte nur 1& 2& eingezählt & Die Band hätte den Auftakt von „Alles Musik“ rein gebraten.
Gleich danach – in den Applaus hinein – „Glücklich glücklich“. Am Schluss, vor der Pause: „Für immer blond“. Jörn hätte Monika ausgesucht & ich hätte sie auf die Bühne geführt & gebeten mit uns auf der Bühne die Mundhar-Monika zu spielen, die uns seit vielen Jahren bei unseren Festivals in Epidemie-Gebiete begleitet, aber nach Benutzung natürlich immer wieder von mir angehaucht & mit einem Lappen, den wir in einer alten Plastiktüte aufbewahren, fast keimfrei gerieben wird.

Nach der Pause – ungewohnt & überraschend, bumm bumm bumm – „Wir fliegen vorbei“, „Valérie, Valérie“ & „Taxi nach Paris“.

Die Frage, ob für die spontane Entscheidung nach Paris zu fahren ein Immunitätsausweis, eine Impfbescheinigung oder ein negativer Test (der höchstens zwei-einhalb Stunden alt sein darf) benötigt würde, könnte nicht beantwortet werden.

Ich wäre zwischendurch immer wieder auf den Programm-Titel des Abends „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ zurückgekommen & hätte mit Zitaten das Thema bereichert, z.B.:

Wahrheit ist das Kostbarste was wir haben. Man muss sparsam damit umgehen“ Mark Twain

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher” Bertolt Brecht 

Lass die Lüge in die Welt kommen. Lass sie sogar die Welt  beherrschen. Aber nicht durch mich.” Aleksandr Solzhenitsyn

Ich hätte dafür gesorgt, dass für jeden etwas dabei ist.

Vor „Niemand kommt so selten vor“ hätte ich Euch von unserer kolumbianischen Freundin Maruja erzählt, die dieses Jahr 101 Jahre alt geworden & die Witwe eines Diplomaten ist. Wie sie mir schon vor längerer Zeit glaubhaft versicherte, sei der Besuch New Yorks nur in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts lohnenswert & schon in den 70ern scheiße & eine Reise dorthin überflüssig gewesen. Sie hasst jedenfalls New York & würde dort nicht mehr hin fahren (& sie fliegt tatsächlich immer noch regelmäßig nach Südamerika). Als ich ihr sagte, dass ich ein großer Fan der Stadt Rom sei, sagte sie mir, dass sie Rom in den 40er Jahren geliebt hätte & ich Rom damals hätte sehen sollen. 
Bei unserer letzten Begegnung erzählte sie uns, dass sie eine enttäuschende Nachricht vom WWF (World Wildlife Fund for Nature) erhalten hätte. Sie hatte ihr Erbe dem WWF unter der Voraussetzung angeboten, dass man dafür Waffen kaufen würde um die Wilderer zu erschießen. Das wäre von offizieller Seite abgelehnt worden. Auch für uns war diese Entscheidung unverständlich.
„Te quiero mi vida“.

Dann hätte ich gern „Halleluja“ gespielt (vom Album „ Jetzt Ist Schön “). In Erinnerung an unsere Freundin, die wunderbare Regy Clasen, die in diesem Jahr verstorben ist. Zusammen mit Anna Depenbusch & Stefan Gwildis (die ich beide angefragt hätte mitzuwirken) hat sie mit der Schönheit ihres Gesangs dieses Lied 2009 in meinem alten Wohnzimmer-Studio zum Leuchten gebracht.
Danach hätten wir einen neuen Song vorgetragen: „Sie trug ein Licht in ihrem Herzen, das alle anderen besser aussehen ließ“

Wir hätten „Pop im Radio“ gespielt.
In diesem Zusammenhang hätte ich Euch gern noch einmal auf die Ungerechtigkeit, die einseitige & befangene Abbildung von Musik in den Medien, die uns gehören, hingewiesen. Den öffentlich-rechtlichen Medien, die wir bezahlen & deren verantwortliches Management sich nicht in der Lage sieht nachts von 0 bis 5 Uhr die Songs der regionalen Künstler zu spielen. Sie werfen selbst in diesen Stunden der Unterhaltungs-Industrie ungerechtfertigter Weise GVL- & GEMA-Millionen hinterher. Jede Minute werden Tantiemen erzeugt für die Verlage, Label, Interpreten & die Autoren & sie verweigern den unabhängigen Künstlern aus der Region auch noch in der Nacht daran partizipieren zu können. Selbst in dieser schwierigen Zeit. Geht der Sache nach. Es ist Euer Geld.

Ich hätte versucht zu erklären, warum das Böse & die Destruktivität Folgen verhinderten geistigen & seelischen Wachstums von Individuen & Gesellschaften sind. & warum Kultur wichtig ist, ein Gegengift! & dass Hitparaden oder die Produkte der Unterhaltungs-Industrie, die lediglich auf ihre kommerzielle Verwertbarkeit hin produziert werden, nur ein bescheidener Teil von Kultur sind, sein sollten.
& Ihr hättet applaudiert.

Dann hätte ich Euch die Geschichte von dem skeptischen Mann erzählt, der mich nach dem Konzert auf dem Parkplatz gefragt hatte – nachdem er mich lange aufmerksam dabei beobachtet hatte, wie ich meine Gitarren umständlich auf die Rückbank meines äußerst bemessenen französischen zweitürigen Kleinwagens gewuchtet hatte – „Wenn du so klug bist, warum bist du dann nicht reich?“
& vielleicht hätten viele von Euch gelacht & sich gleichzeitig gefragt warum ich wohl nicht reich sei.
& ich hätte geantwortet: „Es war mir bisher nicht wichtig.“

Bevor wir „Du brauchst keine Angst zu haben“ gespielt hätten, wäre ich auf die Zeile „Mit der Furcht zu leben ist nur halb gelebt“ eingegangen. Ich hätte darüber gesprochen, was ich damit meine, was es mir bedeutet. Ein furchtloser Mensch geht mutig & klar durchs Leben.
& er lässt sich keine Angst machen. & er lässt nicht zu wenn versucht wird gezielt Angst unter den Menschen voreinander zu schüren. Er lässt sich nicht verhöhnen. Er sagt: Lasst Euch keine Angst machen!

Danach hätten wir alle zu „Move `d Eure Körper für mich“ getanzt & gesungen. Dann „Steh auf & scheine“ & „Gib alles oder vergiss es!“

Als Zugaben hätten wir „Nächte übers Eis“ gespielt & natürlich „Es wär´ so schön“.

Es wäre ein ungewöhnlich langes & unvergessliches Konzert geworden. Wir hätten gelacht, geweint, getanzt & gesungen. 
Danke, dass Ihr da wart!

Ich wünsche Euch einen guten inneren Kompass für das nächste Jahr.
Ich wünsche Euch Kraft, Liebe, Freude, Bewusstsein, Wahrheit & Gerechtigkeit.

Haltet Euch gerade & bewundert die Welt.
(Die richtige Welt, nicht die Illusion).

Herzlichst
Michy   

Alle Termine: http://www.michyreincke.de/termine/termine.html

One thought on “EIN KONZERT ZUM LESEN

  1. Hallo Michy,
    ich verfolge dein schaffen seit ich das erstemal “mit einem Taxi nach Paris” gehört habe, irgendwann in den 80ern glaube ich. Damals noch mit Felix de Luxe. Du hast mich immer, in jeder Phase meines Lebens begleitet und wirst es wohl auch in Zukunft tun. Leider wohne ich seit langem in Berlin wo man dich, unverdient, praktisch nicht kennt.
    Deine Texte sind jedenfalls immer wieder eine Freude und Inspiration für mich -> Weiter so. Vielleicht schaffe ich es in 2021 ja mal nach Lübeck, meine alte und bis Heute einzige Heimat, zu deinem Konzert im kolosseum.

    bis dann, frohe Weihnacht, gesegnetes Chanukka oder was auch immer du feierst 😉

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